Was Unternehmen (und Politiker) von den Piraten lernen können

Der Erfolg der Piraten in Berlin offenbart nicht nur die Defizite der etablierten Parteien

von unserem Hauptstadt-Korrespondenten Michael Zachrau

Michael Zachrau, GF ant marketing
Michael Zachrau, SEO-Handwerker

Am vergangenen Sonntag-Abend haben die Ergebnisse der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus die politische Landschaft in Deutschland grundlegend verändert.

Auf einmal ist die erfolgsgewöhnte Selbstgewissheit und gutbürgerliche, veränderungsfeindliche Sattheit der Grünen, die nach Fukushima sich heimlich als Kriegsgewinnler und als unheimlich anerkannte Rechthaber ("wir Grünen waren ja schon immer gegen den bösen Atomstrom") erwiesen haben, empfindlich gestört. Da kann auch die Freude über den beschleunigten Untergang der FDP, deren Markenkern momentan durch das Guido-Mobil, den Fallschirm von Möllemann und das böse Wort von der "spät-römischen Dekadenz" der Hartz-4-Empfänger (vom Außenminister (immer noch) im Dienst, Dr. Dr. Guido Westerwelle) gebildet wird, nicht hinwegtrösten über die verlorene Wahl. Die Grünen, die SPD, die FDP, die Linke und die CDU haben aber nicht nur ein paar Wähler verloren an die Piraten-Partei, sondern müssen erkennen, dass sich in Berlin erstmals weithin sichtbar ein neues soziales und politisches Bewußtsein demokratisch legitimiert, was sich epochal noch am ehesten vergleichen läßt mit der Bewegung des Öko-Fundamentalismus und dem Siegeszug der Grünen vor 30 Jahren.

Die Suche nach den Ursachen des Erfolges der Piraten

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Wofür stehen die Piraten?

Über diese unübersehbaren Parallelen hat sich bereits fast jeder Politik-Journalist ausgelassen, dem ist wenig hinzuzufügen, auch nicht, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

Bemerkenswert ist v.a., was Sascha Lobo, einer der Hohepriester der Blogosphäre dazu zu sagen hat, der doch geradezu einer der Vordenker der Piraten sein müsste. Fehlanzeige.

Sascha Lobo hat zwar sicher recht mit seiner brillanten und scharfsinnigen Analyse, in der er die sprachliche Klarheit und Wahrheit in der Kommunikation der Piraten herausstellt. Dies greift meiner Meinung nach jedoch viel zu kurz, denn der äußerlich sichtbare und hörbare Politik-Stil ist nur eine Ursache für den phänomenalen Erfolg der Piraten. Entscheidender dürfte die Haltung und die Ziele der Piraten sein: Sie mißtrauen der Expertokratie von Lobbyisten, setzen sich ein für Transparenz in Politik und Gesellschaft, lieben ihr "Netz" und begreifen es als Chance für Innovation und mehr Basisdemokratie.

Was die Grünen verloren haben

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Haben die Grünen Ihre Zukunft "Grüne Aktion Zukunft" schon hinter sich?

Meine These: In der Innovations-Fähigkeit der Piraten liegt der wesentliche Hauptunterschied zu den Grünen. Während auffallend viele Wähler der Grünen immer mehr dem Typus des älteren Joschka Fischer ähneln: ein wenig selbstgerecht, bestversorgt und stets mit leicht spöttischem, besorgtem Blick, oszillierend zwischen Mißfallen, Skepsis und Misanthropie, nur ausnahmsweise lächelnd, wenn die alten Zeiten gehuldigt werden. (Sehenswert übrigens als Anschauungsunterricht für die Entwicklung der Bundesrepublik: der Film "Joschka und Herr Fischer, 2011"), fällt auf, dass die Piraten der durchaus rückwärtsgewandten, technologiefeindlichen und konservativen Natur/Bio/Umwelt-Politik der Grünen zeitgemässe Antworten unter Einsatz des Netzes entgegensetzen.

Die Grünen sind auf dem Weg an die Macht ein wenig die ursprünglichen Ideale und Ziele verlorengegangen. Das kommt vor, macht aber nichts? Machtbewußte Politiker der Grünen, wie Fischer von sich selbst sagt, hatten ihre Chance im Bund und in den Ländern und haben die Bombardierungen in Serbien und das Engagement in Afghanistan ausdrücklich unterstützt.

Sie haben weder etwas für bessere Bildung erreicht, noch der katastrophalen Finanz-Politik etwas entgegengehalten und haben die soziale Ungerechtigkeit sogar massiv verschärft. Was wird nun bloß aus den Ambitionen eines mehr und mehr staatstragend auftretenden Jürgen Trittin, der von einigen Medien schon zum Kanzler-Kandidaten hochgeschrieben wurde?

 

Gab die Spitzenkandidatin der Grünen in Berlin, Frau Künast, noch vor kurzem als Ziel zu Protokoll, die erste regierende Bürgermeisterin in Berlin werden zu wollen, alles andere sei eine Niederlage, muss der Realitätsschock hart gewesen sein. 

Dennoch wird diese harte Landung stramm geleugnet, ebenso krass, wie wir Realitätsverlust sonst nur von FDP-Spitzenpolitikern kennen. 

 

Die politische Avantgarde ist heute längst nicht mehr grün, seit spätestens 1989 auch nicht rot, seit 1968 nicht mehr schwarz, spätestens seit 1933 nicht mehr braun, sondern transparent im Netz und trägt eine Augenklappe.

Ach ja, die Liberalen haben sich irgendwie als Mehrheitsbeschaffer und Zünglein an der Waage zu Tode gewendet zu einer reinen Lobbyisten-Hure vom Range einer Tierschutz-Partei. Die Nachfahren der hoch-angesehenen Politiker wie Scheel, Renger, Genscher, Baum oder Lambsdorff haben in völliger Verkennung der Realität die FDP zu einer profillosen, selbstverliebten Steuersenkungspartei für Besserverdienende verwandelt, deren klägliche Wiederbelebungsversuche beginnen müssten mit der Verabschiedung des Zauberlehrlings Guido W. aus B., der einmal eine kleine Auszeit nehmen sollte. Vielleicht als Talker im TV, da wären bestimmt noch ein paar Plätze frei...

 

Was Unternehmen aus dieser jüngsten Entwicklung lernen können: a) Nichts ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist und b) das Publikum (die Kunden) lässt sich mit hohlen Phrasen der PR- und Marketing-Maschinerie nur noch sehr begrenzt für dumm verkaufen und c) aus dem Netz kommen wichtige Innovationen und es kann sich wirklich niemand mehr leisten, Online zu unterschätzen.

Fazit: Politik und Wirtschaft müssen ihren Fokus auf das Internet richten

Das gesamte Netz mit all seinen Nutzern, Bloggern, Suchern, Lesern, Käufern, Spielern, Lernenden, PR- und Marketing-Leuten, Politikern, Meinungsforschern, Journalisten, Entwicklern etc.,  mit seiner Allgegenwart, seiner Dynamik und Kommunikationsfähigkeit, die weder von Konzern-Giganten wie Facebook, Twitter, Google, Amazon, eBay & Co., noch von Regierungen oder Investmentbankern vollständig kontrolliert werden, hat heute eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, nicht nur wirtschaftlich, sondern, wie wir nicht nur in der Arabellion gesehen haben, auch gesellschaftlich und politisch. Das ist durchaus ein Thema nicht nur für Internet-Junkies und Nerds, und auch nicht nur dann, wenn Politiker sich aufgerufen fühlen, sich schützend vor die Kamerawagen von Google zu werfen. Die Dimension der gesellschaftlichen Veränderungen wird oft erst der nachgeborenen Generation bewußt. 

 

Dabei lässt sich das Netz sicher weder als blanke Anarchie, noch als Brutstätte für Amokläufer oder als Kommunikations-Plattform für Pädophile beschreiben wie es sehr betuliche und wenig Internet-affine Politiker heute gerne verkürzend darstellen, sondern zugleich ein Spiegel und eine Kommunikations-Maschine unserer Gesellschaft und Wirtschaft und jeder Bürger und erst recht jeder Unternehmer ist gut beraten, den Anschluss im Netz nicht zu verpassen. 

Damit das auch den sozial schwachen Bürgern gelingt, ist das geforderte Recht auf einen kostenlosen Internet-Anschluss für jeden Bürger ein Schritt in die richtige Richtung. 

Vielleicht könnten die Banken ja mal ein wenig Gemeinsinn entwickeln und diese Sache finanzieren. Es würde in der Öffentlichkeit sicher das stark angekratzte Image verbessern.

 

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